yep, an image

rent(l)abilität (peter lau, 2004)

„Ausgerechnet der populärste Wahnsinn ist für mich auch der bizarrste: dass wir in einer Welt leben, einem Gesellschaftssystem, einer Denkform, in der von der Kindheit bis ins hohe Alter alles, Gesundheit und Arbeit, Kunst und Unterhaltung, was wir essen, wie wir reisen, wann wir schlafen und wo wir wohnen, das Leben und das Sterben, wirklich alles, an der Ökonomie, der Rentabilität, dem geldwerten Vorteil gemessen werden kann, soll und wird. So viel Größe und Schönheit, der Atem der Menschen und ihre Ideen, dieser ganze Planet und die lange Zeit, die es gedauert hat, bis es Heute wurde, und daneben dieses unglaublich dünne Ziel, in Zahlen zu messen, was niemand mit all seinen Sinnen erfassen kann – ich begreife das nicht, ich halte das für einen kollektiven Irrsinn, neben dem sehr vieles „nichtig und klein“ (Reinhard Mey) wirkt. Wild Man Fischer zum Beispiel.
Larry „Wild Man“ Fischer war 23, als er 1968 auf dem Sunset Strip in Los Angeles Passanten für zehn Cent eigene Songs vorsang und dabei Frank Zappa traf. Der E-/U-Hippiemusiker war von dem heiseren, atemlosen Mann fasziniert und nahm mit ihm die Doppel-LP „An Evening with Wild Man Fischer“ auf. Fischer war zuvor bereits zweimal wegen paranoider Schizophrenie längere Zeit in einer psychiatrischen Anstalt gewesen, und das kann man hören: Beunruhigend wirre Monologe stehen neben herausgeschrienen Songs, die roh und direkt den Hörer überwältigen. (Das Album ist nicht lieferbar, weil Frank Zappas Witwe Gail Zappa es für misslungen hält und die Rechte nicht freigibt, aber natürlich bekommt man es im Internet.) Für Fischer ging es danach bergab, eine Handvoll LPs in den folgenden 15 Jahren brachte wenig Erfolg. Als ihn ein Journalist vor zwei Jahren besuchte, lebte er in einem schabrackigen Motel, verzweifelt, mittellos und einsam. Das Werk dagegen strahlt immer noch: ein monumentales Randphänomen ohne Folgen, aber in der Geschichte der Popmusik ohne Vergleich.
Die Vernunft ist eine stetige Abfolge von überprüfbaren Erkenntnissen und nachvollziehbaren Schlussfolgerungen, ähnlich Platten eines Gehwegs, der sich, verbreitert und asphaltiert, in eine Autobahn verwandelt, die an einen Ort führt, in dem es fast genauso ist wie an dem Ort, von dem man kommt, mit Fußgängerzonen und Menschen, die sinnvollen Tätigkeiten nachgehen. Kurz: Die Vernunft ist sicher und nützlich, aber langweilig. Die Unvernunft dagegen ist anstrengend, aber aufregend: ein Trampelpfad im besten Fall, manchmal nur ein Gebüsch am Wegesrand, in das sich einer blindlings stürzt, um danach allein und auf sich selbst angewiesen einen Weg zu finden zu einem Ziel, das er bestenfalls ahnt und das sich von allen anderen Zielen unterscheidet. Geht er verloren, ist es Wahnsinn, kommt er an, ist es eine Schöpfung. Die Angekommenen schaffen den Fortschritt, aber auch die Schreie der Verlorenen faszinieren viele Menschen: Sie erinnern sie an die Möglichkeiten des Einzelnen, denn der Wahn scheint seinen Träger davon zu erlösen, dem Leben ausgeliefert zu sein – er gibt ihm Kraft, schenkt ihm ein Ziel und macht ihn zum Meister seines eigenen Schicksals. Zumindest von außen betrachtet.
Tatsächlich ist sowohl die Schöpfung als auch der Wahnsinn kein Spaß, zumal es zwischen den beiden keine klare Grenze gibt, da sie von derselben Energie gespeist werden: der Besessenheit. Der Künstler, der seine Besessenheit beherrscht, kann Großes schaffen und glücklich werden, doch vielen gelingt das nicht. Die Kunst wimmelt von leidenden Malern, die häufig einen Teil ihres Lebens in geschlossenen Anstalten verbracht haben. In der Popmusik kommt das seltener vor, weil sie später entstanden ist und auch extremere Lebensstile ermöglicht, aber die Toten, von Elvis Presley bis Kurt Cobain, lassen verborgene Untiefen erahnen. Und auch in der Literatur reihen sich die gequälten Genies aneinander, Franz Kafka neben B. S. Johnson oder Philip K. Dick. Die Besessenheit ist ein sehr gefährliches Geschenk. Aber nicht nur für die, die von ihr befallen sind.
Denn gefährlicher als die Künstler sind die Getriebenen, die nicht bloß eine Leinwand, ein Blatt Papier oder einen stillen Raum füllen wollen, sondern die Welt, und die in der Folge nicht nur sich selbst verletzen, sondern jeden, der ihnen im Weg steht. Leute etwa, die einen Gottesstaat planen, egal, ob der christlich, islamisch oder jüdisch ist, und die Anhänger anziehen, so wie Wild Man Fischer einst Frank Zappa. Nur dass dann mehr als Musik entsteht. Es ist kein weiter Weg von Vincent van Gogh, der sich ein Ohr abschnitt, zu einem namenlosen Dschihad-Kämpfer, der sich mit einem Sprengstoffgürtel in einen vollen Bus setzt: Beide sind von einem Wahn besessen, beide begehen Taten, in denen vermeintliche Freiheit auf reale Verzweiflung trifft und beide haben ein Ziel, das außer ihnen kaum jemand versteht. Auch der Antrieb ist ähnlich – der Dschihad-Kämpfer versucht ebenso wie der Künstler etwas zu erschaffen, doch hier zeigt sich der große Unterschied: Dem Künstler hilft seine Kunst und seine Vision, sich selbst zu verwandeln. Der Fundamentalist dagegen will die Welt verändern, damit er bleiben kann, wie er ist.
Der Hippie-Komiker Wolfgang Neuss schrieb in den achtziger Jahren: „Das, was wir Faschismus nennen, ist ja in Wirklichkeit nur eine ganz bestimmte Form der Ekstase. Wenn wir also den Faschismus eindämmen wollen, müssen wir uns – einzeln und gemeinsam – beherrschen lernen.“ Neuss dachte damals an die drogensüchtigen Nazis, die, ähnlich wie die heute Kokain schniefenden Entscheider, immer irrer agierten, und forderte etwas kurzschlüssig, man müsse mit den Drogen „üben, üben, üben, üppig, üppig, üppig“. Ich halte das für ziemlich riskant, denke aber auch, dass die Vernunft weder unsere Möglichkeiten fördert, noch uns auf unsere Untiefen vorbereitet. Deshalb meine ich: Wir müssen die Unvernunft lernen!
Damit uns nicht eines Tages die Ekstase überrollt und wir uns neben Testosteron getriebenen Jungterroristen in der Sprengstoffgürtelabteilung eines illegalen Kaufhauses wiederfinden, oder, schlimmer noch, ohne Ohr, sollten wir jetzt alle zügig zu Prada gehen und uns Sachen kaufen, die wir uns nicht leisten können. Dann sollten wir uns küssen und Urlaub nehmen, obwohl das „gerade überhaupt nicht geht“ (alle, immer), heute Abend lecker etwas essen und hinterher ins Bett mit allem, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Wir müssen Ekstase üben, das ist wichtig. Und danach sollten wir drüber reden, denn „ist schlecht informiert nicht auch behindert?“ (Funny van Dannen). Überhaupt: Wir sollten besser miteinander umgehen. Weil wir alle noch üben.“

Text: Peter Lau
Foto: Luca Hörrmann

Reinhard Mey: Über den Wolken (EMI)
Wild Man Fischer: An Evening with Wild Man Fischer (Bizarre /Warner)
Wolfgang Neuss: Neuss’ Zeitalter (Grüne Kraft)
Funny van Dannen: Info 3 (Trikont)