yep, an image

realismus

Das Unglaubliche ist das Minimum,
das Unmögliche ist das Ziel.

„Erinnere dich daran, wie es war, als Du in den Schlaf gesungen wurdest.
Wenn du Glück hast, brauchst Du deswegen nicht bis in die Kindheit zurückzudenken. Die wiederholten Zeilen von Worten und Musik sind wie Pfade. Die Pfade sind kreisförmig, sie bilden Ringe, die ineinander hängen wie die Glieder einer Kette. Du gehst diese Pfade entlang und wirst im Kreis herumgeführt, vom einen zum andern, weiter und weiter weg. Das Feld, auf dem Du gehst, das Feld, auf dem die Kette liegt, ist das Lied.“
(John Berger: Feld)

• Ich höre die Musik. Wie sie atmet, sich ausdehnt und zusammenzieht, wie die Luft von lautlos gleitenden Vögeln durchschnitten wird, wie in der Mittagshitze der Horizont flimmert über der glühenden Ebene, wie du atmest, wenn du schläfst, ruhig und voller warmer Träume. Ich könnte sagen, „In the Heart of the Moon“ von Ali Farka Touré & Toumani Diabaté ist die bisher schönste CD des Jahres, aber diese Aussage wäre so fern von dem, was ich meine, dass ich genauso gut „BWL“ sagen könnte.
Sie haben sich in einem Hotel in Bamako in Mali getroffen, diese afrikanischen Musiker, die bereits einige Jahrzehnte Musik machen, Ali Farka Touré auf der Gitarre, Toumani Diabaté auf der Kora, das Fenster stand offen, und die Luft war warm, voller Gerüche, die es in Deutschland nicht gibt, und sie haben gespielt, einige Stunden, ohne Probe. Die Töne fanden zusammen und drifteten auseinander, fanden wieder zusammen, wie in einem Spiel, deshalb sagt man Musik spielen, weil es ums Spielen geht. Und deshalb verstand ich die CD nicht, als ich sie das erste Mal hörte: weil ich so selten Zeit habe zu spielen. Denn dies ist das Woanders, dem diese Musik entspringt: nicht bloß Afrika, sondern einer Weichheit der Körper, seiner Muskeln und ihrer Bewegungen, des Bewusstseins. Entspannung weit tiefer als die träge Erschöpfung nach der erfolgreich abgeschlossenen Regeneration der Arbeitskraft im Wellness-Wochenende oder wenn man sich „mal wieder Zeit für mich selbst“ genommen hat, ohne einen Schritt zu sich zu kommen oder zu dem, was man will.
Es heißt, Genie bestehe zu einem Prozent aus Inspiration und zu 99 Prozent aus Transpiration, also Arbeit. Das ist vielleicht das dümmste aller dummen Klischees, so falsch auf erstaunlich vielen Ebenen: Zuerst einmal dauert es in der Regel natürlich länger, eine Idee zu verwirklichen, als eine Idee zu haben, doch ohne eine Idee ist jede Arbeit sinnlos, und so ist das Verhältnis 50 zu 50: Eine Idee und ihre Verwirklichung sind zwei gleichwertige Teile eines Ganzen. Doch selbst auf der einfachsten zeitlichen Ebene, auf die der Spruch anspielt, verkehrt sich das Verhältnis, wenn man die Vorgeschichte einbezieht – und damit meine ich nicht nur das ÜbenÜbenÜben dessen, was man am besten kann, also etwa als Musiker sein Instrument zu beherrschen. Wer regelmäßig nur das tut, wird eventuell ein guter Handwerker, kann aber auch als Technokrat enden, dessen kompliziertes Gegniedel ausschließlich andere Technokraten beeindruckt. Musiker wie Ali Farka Touré und Toumani Diabaté sind ebenfalls gute Handwerker, doch kommt bei ihnen etwas hinzu, das wir als das Gegenteil von Arbeit anzusehen gelernt haben: sich fallen zu lassen, im Fluss der Bewegungen und Gedanken leicht zu werden, auf den richtigen Moment zu warten und dann ziellos hinabzutauchen in das Erschaffen des Neuen, Wahren, Schönen.
Doch genau das leugnet der Satz von der Inspiration und der Transpiration. Er zieht eine Grenze zwischen dem, was möglich, und dem, was unrealistisch ist: Wenn du etwas willst, musst du arbeiten, und zwar hart, bis du schwitzt – Zurücklehnen und Abwarten ist sinnlos. Selbstverständlich ist das nicht falsch, wenn es um, sagen wir, Brückenbau geht, wo das Ergebnis festgelegt und berechenbar ist: Es ist nicht empfehlenswert, Stahlträger dekorativ in der Landschaft zu verteilen, in der Hoffnung, die Brücke ergebe sich irgendwie. Anders ist es aber bei allem, das jedes Mal neu ist, Musik, Kunst – oder das Leben. Wer nicht einen Beruf lernen will, bloß weil er sicher ist, oder heiraten nur für eine bessere Steuerklasse, braucht ein Bild, eine Vision dessen, was er will. Und die kommt zu uns in Momenten der Stille, so wie die Idee eines Bildes, eines Liedes, eines Gedichtes. Oder das Glück.
Der Mensch ist kein rationales Wesen. Das Glück ist wie Magie, seine Gründe unvernünftig. Kinder? Klar, irgendwer hat mal berechnet, dass sich Kinder rentieren, wenn man nur lange genug in sie investiert – aber wer schafft sich deshalb welche an? Oder sagt: Schatz, unsere Investition hat heute Mama gesagt, bald kann sie arbeiten gehen? Musik? Wer findet Johann Sebastian Bach toll, weil die Abfolge der Noten totally smart ist? Und Liebe? Ich kann mir vorstellen, dass einer sagt: „Baby, deine und meine Gene müssen unbedingt verschmolzen werden“ – aber der meint was anderes! Ganz zu schweigen von dem Moment, der viele Namen hat, in dem man alles begreift, in dem sich alle Türen öffnen und den manche dermaßen fürchten, dass sie seine Existenz erbittert leugnen. Absolut unbeugsam und hart wie Stahl können sie aber auch sicher sein, dass sie ihn nie erleben werden: Auch erste oder letzte Erkenntnisse brauchen die weiche Nachgiebigkeit der angstfreien Ruhe.
Ich könnte behaupten, dass es an unserer Evolution liegt: Der Mensch war immer im Druck, und dass er sich nun entspannen kann, ist ein Erfolg der Zivilisation, der noch ungewohnt ist. Deshalb misstrauen wir ihm und verehren lieber Sportler, deren trainierte Körper ein leises Echo des Überlebens in der Wildnis in uns erklingen lassen, als Künstler, die still in sich hineinhören und dann einen milden Fluss von Klang und Glück erschaffen, der in unserer kollektiven Geschichte relativ neu ist. Deshalb stellen wir harte Arbeit über die scheinbar mühelose Inspiration.
Aber ich könnte genauso gut dich streicheln, bis wir einschliefen oder die Sonne aufginge, wir wären lebendig und glücklich, ohne dass es dafür Gründe gäbe oder Worte, und wir müssten nicht heiraten, denn gegen Steuern ist nichts zu sagen. Wir folgten Pfaden, die wir nicht kennen, und träfen wir Kinder, hießen sie Fix und Foxi. –

Text: Peter Lau
Foto: Tom Eggert

„I want to spend the rest of my life everywhere, with everyone, one to one, always, forever, now.“
(Damien Hirst)

John Berger: Das Leben der Bilder oder die Kunst des Sehens. Wagenbach, 2000; 127 Seiten, 13,90 Euro
Ali Farka Touré & Toumani Diabaté: In the Heart of the Moon. Indigo/World Circuit, 2005