yep, an image

zwei richtungen

die eine richtung ist vorherrschend, sie scheint alles zu beherrschen. es ist die richtung, in der sich heute die sämtlichen länder bewegen oder zu bewegen scheinen.

der zweck dieser richtung ist, materielle güter anzuhäufen, zum „maximalen“ wohlstand zu kommen, nicht nur „brot“ der menschheit zu verschaffen, sondern auch „freude“. natürlich kann mit „freude“ noch etwas gewartet werden – sie kommt von selbst, wenn alle „brot“ in genügendem maße haben.

alle länder strengen sich äußerst an, diesen zweck zu erreichen. es ist eine leidenschaftliche, heroische anstrengung, die alle mittel heilig heißt, die zum menschlichen „glück“ führen. es ist eine dankbare, hochwertige arbeit, die aber leider auch schattenseiten hat.

die eine schattenseite ist die, dass die leidenschaftliche, heroische anstrengung zum einen resultat führt, das fast = 0 ist. das „brot“ reicht in keinem lande aus. die „freude“ ist zu selten und sieht eher einer betäubung ähnlich.

die andre schattenseite ist die, dass die menschheit die notwendigkeit „nichtmaterieller“ güter immer mehr vergißt. die ehemaligen quellen der „geistigen“ güter – die religion, die wissenschaft und die kunst – werden als solche immer mehr verkannt, und es wird versucht, sie in den dienst des materiellen lebens zu stellen.

diese erschreckende schatteseite ist das logische resultat des „reinen materialismus“ – die materie ließ den geist vergessen. von hier der „moderne“ mensch der praxis, der sich vor der maschine, gewehrmaschine und wohnmaschine, tief verbeugt, der einen nur äußeren blick kultiviert und über den inneren inhalt lächelt.

die einseitigkeit ist fatal. letzten endes kann sie die menschheit durch kau- und verdauungsmaschinen ersetzen.

es gibt aber noch eine andere richtung, die heute nur vereinzelte erscheinungen erzeugt, wenig bemerkt und mißverstanden wird.

diese richtung ist ein logisches resultat der inneren wendung, die sich bereits vor dem krieg (unsere moderne zeitmessung!) bemerkbar machte, und die heute immer etwas zunimmt, obwohl sie auf dem ersten blick immer mehr verschwindet.
der sinn dieser richtung ist ein doppelter:
1. erwachen und entwicklung des „inneren blickes“ und dadurch
2. das erleben der großen und kleinen zusammenhänge, die mikro- und makrokosmischer art sind.

SYNTHESE.
1913 habe ich in meiner kleinen autobiografie geschrieben: „alles “tote“ erzitterte. nicht nur die bedichteten sterne, mond, wälder, blumen, sondern auch ein im aschenbecher liegender stummel, ein auf der straße aus der pfütze geduldig blickender weisser hosenknopf, ein fügsames stückchen baumrinde, das eine ameise im starken gebiß zu unbestimmten und wichtigen zwecken durch das hohe gras zieht, ein kalenderblatt, nachdem sich die bewußte hand ausstreckt und aus der warmen geselligkeit mit den noch im blick bleibenden mitblättern gewaltsam herausreißt – alles zeigte mir sein gesicht, sein inneres wesen, die geheime seele, die öfter schweigt als spricht. so wurde für mich jeder ruhende und jeder bewegte punkt (= linie) ebenso lebendig und offenbarte mir seine seele. das wurde für mich genug, um mit meinem ganzen wesen, mit meinen sämtlichen sinnen die möglichkeit und das dasein der kunst zu ”begreifen”, die heute im gegensatz zur ”gegenständlichkeit” die ”abstrakte” genannt wird.”

dieses erleben der „geheimen seele“ der sämtlichen dinge, die wir mit unbewaffnetem auge, im mikroskop oder durch das fernrohr sehen, nenne ich den „inneren blick“. dieser blick geht durch die harte hülle, durch die „äußere form“ zum inneren der dinge hindurch und läßt uns das innere „pulsieren“ der dinge mit unseren sämtlichen sinnen aufnehmen.

und diese aufnahme bereichert den menschen und speziell den künstler, weil sie bei ihm zum keim seiner werke wird. UNBEWUSST.
so erzittert die „tote“ materie. und noch mehr, die inneren „stimmen“ der einzelnen dinge klingen nicht isoliert, sondern harmonisch alle zusammen – die „spärenmusik“. ...

kandinsky, 1935